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Das tragende Verfassungsprinzip unseres Landes ist in der Krise. Die Demokratie hat im Laufe des 20. Jahrhunderts einen
globalen Siegeszug angetreten, dessen Wellen zuerst Westeuropa, dann den Süden und später den Osten des Kontinents, schließlich auch weite Teile Asiens und Lateinamerikas ergriffen haben. Doch gerade in Deutschland, einem zentralen Stützpfeiler in der globalen Verbreitung der Demokratie, ist die Verdrossenheit mit der Staatsform und ihren Vertretern heute größer denn je. Über die Hälfte der Bundesbürger ist laut Umfragen mit der Demokratie unzufrieden, die Zahl der Nichtwähler hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt, und besonders in den neuen Bundesländern hat die Enttäuschung über die Demokratie dramatische Ausmaße angenommen: Weniger als 40 Prozent halten sie dort noch für die beste Staatsform.
Die Politik schien das bis vor kurzem kaum wahrzunehmen - die Zahl der Parlamentssitze verringert sich ja auch dann nicht, wenn nur noch Minderheiten wählen, und die deutsche Wahlbeteiligung ist im internationalen Vergleich noch immer relativ hoch. Doch in Ländern mit Verhältniswahlrecht, so wie Deutschland eines hat, werden mit sinkender Wahlbeteiligung immer auch politische Randgruppen begünstigt, die ihre Anhängerschaft mobilisieren können: Die Erfolge der Linken und der NPD belegen das eindrucksvoll.
Was also, fragen sich Meinungsforscher, Sozial- und Politikwissenschaftler, sind die Ursachen für dieses neue Unbehagen in der Demokratie? Ist es das Missverhältnis von sozialer Basis der jeweiligen Parteien, und ihrem Machtanspruch, eine wachsende Kluft zwischen politischer Klasse und Volk? Haben die großen Volksparteien mit ihrem Drang in die Mitte an Profil verloren? Hat die Demokratie sich bei uns in einem Maße verwirklicht, das ihr das Ziel und die
Utopie genommen hat? Oder führen die fortschreitenden Modernisierungs- und Individualisierungsprozesse dazu, dass der Wahlgang nicht mehr als Bürgerpflicht wahrgenommen wird? Cicero-Autoren analysieren den Wandel unseres politischen Bewusstseins im neuen Jahrtausend.
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